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Ein eigener Blickwinkel - Das Wagnis des Lebens ins Ungewisse

Stuhl am Fenster

Am Fenster steht ein Stuhl.
Auf dem sitze ich manchmal.
Ich schaue hinaus zu den Vögeln.
Sie sitzen auf einem Ast ganz sicher.
Doch dann, mit einem Schlag,
Ein Vogel fliegt auf in Richtung Himmel.
Dann sitzt er wieder - auf einem Dach.

Immer sitzt er ganz sicher und aufrecht.
Und doch ist es ein Wagnis.
Das Leben gibt sich durch ihn.
Es gestattet ihm zu sitzen und zu fliegen.
Wir nennen ihn dann Vogel,
dabei ist er nichts als Leben.

Ich sitze mit der Gestalt eines Menschen.
So bin ich das Sitzen und das Gehen,
Was mich genommen, um so zu leben.
Es ist mehr als ich - ich verneige mich.
Ich mache mit, diene und lebe.
So bin ich Geschehen des Lebens.
Es entzieht sich mir, es ist Gottesgestalt.

Was soll ich nun machen?
Es bleibt nur dieses, ganz so zu sein,
Sonst verrate ich das Leben
Und tausche es ein gegen etwas,
Was weniger ist als das Leben.
Ich sitze und gehe dann und sehe
Unendlich Vieles, staune und lebe.

Klaus Wansleben, 2016