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Ende Jan. 2014

Klaus Wansleben

Liebe Freunde --- ein Brief über das Sein ---

Wenn ich etwas als leicht empfinde, so kann dieses nur sein, weil ich auch etwas als schwer empfinden kann.

Wenn ich eine Blume sehe und sie anwesend ist, so kann ich ihre Anwesenheit bemerken nur dadurch, dass es auch ihre Abwesenheit gibt.
Das Selbe gilt auch für heiß und kalt, Das Eine birgt auch das Andere in sich.
So ist es mit allem, was wir erkennen. Wie könnte es hell sein ohne Dunkelheit.

Der Schluss:
Das Sein, welches ich bin, ist deswegen existent, weil es auch etwas gibt, welches als Nichtsein bezeichnet werden kann.
Da es so ist, ist die eigentliche Lebensempfindung die:
Nichtsein und Sein sind nicht zu trennen.
Ich ruhe im Nichtsein und meine Erscheinung ist Leben.

Da alles Seiende im Nichtsein zuhause ist, ist alles Seiende miteinander Eins. Ich bin mit allem, was existent, im Leben. Allein bin ich alles.

Religiös gesprochen: In Gott sind wir alle eins.

Nun kann ich auch sagen, im Aufgeben aller Begriffe, aller Bestrebungen, allen Eifers und auch der Gefühle, sozusagen im Nicht, liegt das unberührte Leben. Im Nicht zu sein, ist also nicht leblos, sondern alle Möglichkeiten sind frei zur Entfaltung.
Demnach ist die Sehnsucht nach dem Nicht eine Sehnsucht nach dem Uneingeschränkten, nach der Befreiung von allem Nichtseindürfen, nach der verlorenen Vollkommenheit.

Die Übung der (Zen)Meditation dient der Reinigung von jeder Halbheit, bis dann im Nicht das ureigene Vollkommene, wie bei einer klaren Quelle, hervortritt.

Dann geht es darum, so zu leben.
Alles um dir ist das Nicht. Bei dir zu sein, das und nur das ist Leben. Du bist es von Natur. Nach außen zu tendieren, zum Anderen und Fremden, vermindert deine Lebensmöglichkeit.

Im Vergleich zum Echten (Dasein), ist alles, womit sich ein Mensch umgibt, Pappe. Wir wollen uns durch Pappe nicht blenden lassen. Wobei die Bezeichnung Pappe schon zuviel ist.
Es ist das Ziel spiritueller Praxis im Zen aller Richtungen, Nirvana genannt.