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Bonn im Oktober 2013

Klaus Wansleben

Liebe Freundinnen und Freunde!

Brief über Bewusstseinsbildung
Das Bewusstsein eines Menschen ist der Bereich im geistigen Raum, wo er mit seiner Lebendigkeit zu Hause ist. Der geistige Raum ist ohne Zeit und Ort. Wenn ich die auf den Tag bezogenen Inhalte gehen lasse, bleiben im Bewusstsein Erlebnisbilder aus der Vergangenheit. Alle Erlebnisse, die wahrgenommen und durchlebt sind, heben sich auf. Traumatische Ereignisse sind in der Regel lebensbedrohend. Sie heben sich auf, indem das darin enthaltene Sterben erkannt und zugelassen ist. Dieses bedeutet, ich lasse mein Sterben zu. So entleert sich mein Bewusstsein. So zeigt sich ein leeres Bewusstsein, in dem sich jeweils die augenblicklichen Ereignisse spiegeln. Sie spiegeln sich ohne eine Berührung zu hinterlassen, in der Weise, wie der Schatten der Sonne einfach über die Bank am Weg dahin zieht. Das Bewusstsein bleibt rein. So bin ich da, immer im Augenblick. Wenn ich dieses erreicht habe, empfinde ich keine eigene Existenz mehr. Das Selbst ist immer wechselnd der jeweilige Augenblick. Erst wenn dieses erreicht ist, bin ich voll im Leben. So ist das Sterben ebenfalls Erlebnis.

Angst vor dem Sterben ergibt sich, solange ich im Egobewusstsein bin. Dieses Bewusstsein bildet sich im Verstand durch meine Vorstellungen, Wünschen, Ablehnungen und Träume und auch in meinen Ängsten. Hier wird eine Existenz gebildet, die eine Illusion ist. Eine Landkarte kann uns nicht die Erde ersetzen, die unter unseren Füßen liegt. Ist das nun das Ende einer Entwicklung?
Das vom Ich bestimmte Bewusstsein ist verloren gegangen und ich finde einen neuen Standort. Es öffnet sich der Mensch für eine weitere Entwicklung. Es entfernen sich Störungen im Bewusstsein. So findet der Mensch eine Fähigkeit, in selbstloser Weise zu lieben, ohne Angst um sich selbst zu haben. Er findet plötzlich den Schlüssel für ein erfülltes und glückliches Leben. Er empfindet, so ist es richtig und sucht nicht nach anderem. Jeder Eifer ruht und jedes Bestreben, eine Sicherheit zu finden. Er beginnt, sich dem Leben ohne Rückhalt auszusetzen! Er braucht sich auch nicht mehr zu rechtfertigen.
Er findet die Fähigkeit der Empathie! Empathisch sein heißt, bereit und fähig sein, sich in die Einstellung anderer Menschen einzufühlen! Es ist das tiefste Anliegen des Menschen mit dem, was er im Eigentlichen ist, leben zu können. Dazu gehören nicht nur sein Verhalten sondern auch die Bedürfnisse, die mit dem Leben als solches zusammenhängen, zu leben und sterben. Da dieses das Wertvollste ist und das Leben im Eigentlichen ausmacht, ist der Mensch in seinem Wesen angesprochen. Es ist ihm selbst nicht bewusst und in vielen Fällen nimmt er es nicht wahr, weil er in der Vergangenheit sich damit nicht sehen lassen durfte. Es ist in ihm verschlossen und nichts für das Normale. Wenn der Mensch sich überhaupt öffnet, dann nur in einer vertrauten und zuverlässigen Umgebung und dann vielleicht nur mit Scham. Er kann sich öffnen, wo die Empathie zu Hause ist. Es ist die eigentliche Liebe zwischen den Menschen. Es ist eine Fähigkeit, die sich erst im Laufe des Lebens zu entwickeln in der Lage ist. Ein äußeres Zeichen z.B. ist das Weinen. Es ist die Ergriffenheit eines Menschen in einer Situation, die außerhalb des Fassbaren liegt und zur gleichen Zeit die Wurzel des Lebens trifft. Ist es etwa die Perle, die jener Mann des Evangeliums findet?
Er fand sie und gab alle anderen Perlen weg!

Gruß Klaus