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April 2013

Klaus Wansleben

Liebe Freundinnen und Freunde!

Wir kommen regelmäßig zusammen. Wir setzen uns dabei hin. Wir sitzen so, dass wir zwar beieinander sind, jedoch so, dass wir uns nicht anschauen. Wir vermeiden auf diese Weise, abgelenkt zu werden. Der Sitz auf dem Platz wird so zu dem Ort, an dem ich lebe, fest und sicher auf dem Boden.
Der Boden wird mit mir zu einem Bewusstsein. So erfahre ich eine Lebendigkeit, frei vom anderen Menschen. Diese Freiheit stellt sich von selbst ein, da jeder andere nicht mehr ist als ich. Jeder ist, wie ich, eine Gestalt des Lebens. Jeder ist, wie ich, geboren und entsteht wie ich aus dem Nichts durch Mutter und Vater, tritt ins Leben und wird erwachsen. Jeder wird durch das Wollen des Lebens, welches die Geburt inszenierte, aus der Erscheinung in die Nichterscheinung zurückgeholt. Und dieses geschieht ohne eigenes Zutun in einer Weise, die verrät, dass uns nichts gehört.
Alles wird vom Leben selbst in Szene gesetzt. Das Leben ist Geist, der durch unsere Gestalt aus dem Nichts in Erscheinung tritt.
Wir, mit unserem Egobewusstsein, haben uns lediglich dem Leben gegenüber zu bewähren. Unser Grundbewusstein ist Leben, ungestört und als Leben unbeeinflussbar. Es bleibt. Es kann weder verloren gehen, noch kann es gewonnen werden.

Die, die wir Ich sagen können, sind nicht absolut gesetzt, sondern aus dem Unbewussten zum Leben geweckt, um mit der gegebenen schöpferischen Lebendigkeit da zu sein: unser Schicksal. Wir sind gegebenes Leben.
Und was machen wir? Wir meinen, daraus etwas machen zu sollen im Angesicht anderer Menschen. Bei den Gelöbnissen im ZEN tritt diese Art als Eitelkeit auf.
Die Wirklichkeit fordert Demut. Stattdessen blähen wir uns auf und tun so, als ob wir Inhaber des Lebens seien. Da dieses nicht geht, weil absurd, versuchen Menschen Machtpositionen zu erhalten, um andere zur Anerkennung zu veranlassen. So sind wir unzufrieden, weil wir auf eine falsche Bahn geraten sind.

Das stille Sitzen für sich allein führt uns wieder zurück ins Eigentliche, wie aus einem Film zurück in die Wirklichkeit. Das Lebendigsein, welches wir in unserem Alleinsein erfahren, ist nicht festgelegt. Es ist offener Geist und gestaltet alles, was zum Leben gehört. Das Leben erfährt sich dann als Gegenwart. Leben ist Gegenwart, die sich unentwegt aneinanderreiht. Dieses ist in allem, was gegenwärtig ist.
Meister Eckhart sagt, weil es ohne festgelegtem Ort und ohne Zeit ist, sei es die Anwesenheit Gottes. Alle Erscheinungen sind so in Gott eins. Körper und Geist sind eins.

Vor uns steht das Osterfest. Es ist in unserem Bewusstsein. Wir kennen es als Fest der Auferstehung. Wir stehen auf aus unserer Lebensnot.
Wir befreien uns aus der Enge, welches uns die Vorstellungen, Gebote und Wünsche bereiten und lassen uns sterben in die Weite unseres absoluten Bewusstseins.
Es ist die Anwesenheit des Göttlichen durch uns.

Ich kann die Welt nicht ändern. Den Frieden, den ich mir wünsche, den kann ich durch mich in die Welt bringen.

Frohe Ostern! Klaus