Texte - Klaus Wansleben

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Monatsbrief Februar 2013

Liebe Freundinnen und Freunde!

ZUGEWENDET
Zuwenden kann sich der, der eine solche Bewegung auszuführen in der Lage ist. Bei einem solchen Menschen ist die Bewegung des Zuwendens etwas, was sich aus der gegebenen Situation ergibt. Eine Situation ist immer etwas geistig Gegebenes. Wir sind in dieser Situation geführt durch eine Macht, die mehr ist, als die Einzelnen sein können. Die Einzelnen sind geführte. Die Führung macht sich immer bei den einzelnen bemerkbar. Sie folgen dieser Kraft. Sie fügen sich nicht, sie sind diese Kraft.

Leben ist die Folge von Zusammenhängen, die eben Leben hervorbringen. So sind wir die Folge von Zusammenhängen und so ergibt sich unsere Gegenwart. Lebendig kann nur sein, der in einer das Leben hervorbringenden Gegebenheit lebt. Ich bin die Folge, sein Ursprung und sein schöpferischer Wille. Ist dieses erfahrbar oder nur eine interessante Dichtung? Es läuft unbewusst ab und zeigt sich einer inneren Empfindung nur dann, wenn Zusammenhänge des Schicksals es ermöglichen. Es gibt Wege, die eine Bereitschaft fördern. Der entscheidende Sprung aus einer gelernten und gelenkten Welt ins Ungewisse wagt der, der seine liebende Hingabe ans Leben ohne Einschränkung zu wagen in der Lage ist: Die Folge geistiger Zusammenhänge, außerhalb jeder Wahl. Der Mensch, der dort hingeführt wurde, wird demütig. Er kann sich anderen zuwenden und auch der Kraft, die den anderen führt. In der führenden Kraft liegt ein Zwang, dem der Mensch unterliegt. Hilfestellung liegt darin, die zwingenden Zusammenhänge erfahrbar zu machen, um eine Lösung zu zulassen. Bedrückungen, Zwänge und Lebensängste können sich bei diesem inneren Vorgang auflösen und den Weg in eine wache Erfahrung der Lebendigkeit der Gegenwart frei machen.

Wir sind von unserer Herkunft in Gegebenheiten eingebunden. Die Familie, die uns hervorbringt, beinhaltet Bindungen. Ich liebe meine Mutter und möchte, um dazu zugehören, ihr entsprechen und mich so verhalten, wie es ihr entspricht. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auch wenn der Apfel örtlich weit weg ist, wird er bei dem bleiben, was ihm mitgegeben ist. Wir sehen es schon bei der Art, wie eine Tochter geht. Bei der Beerdigung meines Bruders sagte einer seiner Freunde zu mir, sie sprechen in der gleichen Art, wie ihr Bruder. Wir sprechen wie unser Vater, den wir beide lieben. Es ist z.B. bekannt, dass ein Sohn, der im Beruf nicht weiterkommt, in einer Gegebenheit sich befindet wie sein Vater, der auch nicht weiterkam. Ein Kind verzichtet auf Glück, weil es aus Liebe zu seinem Vater nicht besser sein will. So etwas gibt es z.B. auch in der Ehe. Bei mir sind alle Voraussetzungen gegeben, höre ich verzweifelte Menschen sprechen. Und was zeigt sich, da ist eine Tochter oder Sohn, welche aus Liebe nicht anders sein können, wie einer der Vorfahren. Das kann sich auch beim Sport zeigen. Da ist ein Sportler, der beim Golf spielen nicht weiterkommt, wie im Vergleich zu seiner Frau, die mit ihm angefangen hat. Es stellte sich heraus, dass sein Vater gehbehindert ist. Es ist eine kindhafte Liebe. Jedoch sie bindet, solange sie nicht entdeckt und mit Liebe und Verstehen aufgegeben wird.

Leben ist in Bewegung. Es gebiert sich im Bewusstsein in immer Weiterem in einer natürlichen Bestrebung zu einer Vollständigkeit. Vollständig in dem Sinne, dass es ohne falsche Bindungen und ohne Hindernisse, die Angst vor Schuld, vor dem Versagen und vor dem Tod überwindet und zu einer Sinnerfüllung, zur Lebensfreude und Liebesfähigkeit erwacht.
Kann ein Mensch ein solches Ziel ohne Hilfe erreichen? Es ist ein natürlicher Weg und darum machbar, wenigstens im Normalfall. Es bedarf einer Begleitung. Es sollte ein Mensch sein, der selbst auf diesem Weg ist und zwar so weit, dass sich in natürlicher Weise eine Kompetenz ergibt. Er steht nicht höher, sondern mit dem andern gleich auf dem Weg, ohne der Wissende zu sein. Nichtwissen ist aufrichtig, echt und richtet auf. Er wendet sich dem Hilfesuchenden zu und empfindet mit ihm. Er gibt nicht vor, mehr zu sein, so dass der andere nicht hinter ihm herlaufen muss. Er bleibt bei ihm, bis der Suchende Klarheit auf dem eigenen Weg gefunden hat.
Im Zuge einer solchen Entwicklung kann einer die Empfindung haben, er würde wahnsinnig oder er müsse sterben. Er braucht dann einen, der ihm hilft. Derjenige, der Hilfe spendet, was kann das für ein Mensch sein. Woher ergibt sich seine Fähigkeit und wodurch seine Bereitschaft? Ist er nicht vermessen, in einem so intimen Bereich einem anderen zu begegnen. Diese Frage müssen sich die Menschen, die sich begegnen, selbst beantworten. Meine Frau Hildegard und ich, wir fanden in unserer Not einen solchen Menschen. Wir brauchten Hilfe für den Anfang und den Zuspruch, selbst für den Lebensweg kompetent zu sein. Wir lernten, uns von den lehrerhaften Autoritäten zu trennen und mit denen auf dem Weg zu sein, die nichts besseres wussten, als Verständnis und ein liebevolles Herz zu zeigen. Das ist keine Resignation, es ist das Resultat nach der Erkenntnis, dass Hass, Neid und Eifersucht im Leben eine normale Rolle spielen und zwar in der Weise, dass wir sie im Zulassen und Verstehen zu überwinden haben. Hier bekommt der Begriff der Sünde einen neuen Klang. Ich tue keine Sünde. Geistige Lebenszusammenhänge sind so geartet, dass ich davon erfasst bin.

Im Zen still und ausdauernd zu sitzen bedeutet, ich sitze mit dem, was sich in mir abspielt. Es geht um einen Bereich, wo ich Verantwortung zu übernehmen habe. Zen ist da ein Weg. Welche Aufgabe ergibt sich z.B. bei einer Meditation im Gefängnis mit den Gefangenen ? Ich helfe, indem ich mich zuwende. Er ist unfrei. Er hat eine Strafe zu erdulden, die ein Gericht über ihn verhängt hat. Was ist ein Gericht, ein Gefängnis und wie sieht es mit der Schuld aus? Ich möchte hier keine Antwort geben. Die Antwort sollte bei denen heranreifen, die mit den dortigen Menschen meditieren. Eine Antwort ist dann richtig, wenn sie die Gefangenen entlastet! Sonst ist es ein vergeblicher Besuch. Doch noch ein Hinweis: Gericht, Strafe, Gefängnis und Schuld sind Bergriffe, die im Innern eines Menschen vor einem Hintergrund aufkommen, der ursprüngliches und ungetrübtes Leben ist ("der leere Spiegel").
Weil hinzugekommen, kann es auch wieder weggehen. Am Ende bleibt dieses reine, lebendige und wache Leben ("das reine Land").