Texte - Klaus Wansleben

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Dezember 2012

Liebe Freundinnen und Freunde!

Brief über die Eifersucht.
Wir werden von Ereignissen dirigiert, ohne dass wir es durchschauen können. Wir reagieren dann in einer Weise, die nicht selten zu einem Resultat führt, welches dem entgegensteht, was wir eigentlich wollten.
In einem solchen Fall handelten wir so, als ob wir blind wären. Da es im Leben häufig zu solchen überraschenden Fehlergebnissen kommt, die manchmal sehr schmerzhaft sind, bemühen wir uns, aus unserer schläfrigen Blindheit zu erwachen. Unsere Handlungsweise hat Einfluss auf das Wohlergehen der Menschen, die uns nahe stehen und die wir eigentlich lieben möchten. Diese Art im Leben zu sein, gehört zum Menschen. Es ist nicht möglich, den Anspruch zu stellen, es möge anders sein. Wir würden dann einen Menschen überfordern. Er würde sich dann in unserer Gesellschaft nicht wohl fühlen und die Tendenz haben, weggehen zu wollen. Uns bleibt nur, uns selbst von Blindheit zu befreien.

Wo nun finden wir bei uns den richtigen Ansatz. Im Zen gibt es ein Koan, welches lautet: " Erlöse einen hungrigen Geist." Hunger ist eine strebende Kraft. Ich möchte meinen leeren Magen füllen. Auf das Leben bezogen bedeutet das, was jetzt ist, reicht nicht als Leben und ich giere nach Weiterem. So bin ich vom Hunger nach Mehr getrieben. Da mein Bestreben ein blinder Eifer ist, denn ich bin doch schon immer vollständiges Leben, führt mich diese Blindheit in eine Sackgasse. Ich kann mein Ziel nur erreichen, wenn mir bewusst wird, dass ich mich falsch orientiere. Ich bin wie auf einem Schiff unterwegs, welches den Heimathafen nicht findet. Mein Hunger kann so nicht gestillt werden. In einem Zengedicht finden wir diese Situation beschrieben: " Du stehst mitten im Wasser und schreist vor Durst." In unserer Hilflosigkeit und um nicht zu verzweifeln, klammern wir uns an etwas, was wie ein Hafen sein könnte. Wir machen es so lange, bis wir durch die Fehlschläge, die hier zur Natur der Sache gehören, gedemütigt und müde vom Suchen, bei uns das Leben wahrnehmen. Keiner kann mich vor der Fehlorientierung schützen. Jeder ist so wie ich. Die Orientierung liegt allein bei mir. Es kann mir keiner den Weg weisen. Ich bin schon immer am Ziel. Jeder ist so am Ziel.

Christus sagt: "Ich bin die Wahrheit und das Leben."
Buddha sagt: "Jeder ist die Wesensnatur."

Was war geschehen. Der Beruf kann mich nicht retten. Er ist leer von einer lebendigen Existenz. Er ist ein Handwerkszeug. Die Ehe ist ebenfalls leer. Sie gibt aus sich kein Leben. Diese Gemeinschaft ergibt sich dadurch, dass Mann und Frau das hergeben, was zu dem führt, was dann Ehe genannt werden kann. Indem ich mich hergebe ohne einen Rückhalt, gewinne ich Leben. Ich bin dann ganz da und immer gegenwärtig.

Auch im Schlaf bleibt das Leben wach gegenwärtig. Ein solcher Mensch kennt keine Aussage über das Sterben. Sterben ist wie das Leben gegenwärtiges Erleben. Leben und Sterben liegen im Nichtwissen. Ich bin das Geschehen mit wachen Sinnen.

Mit einem Gedicht möchte ich diesen Brief abschließen und Dir Gutes wünschen:

Ich bleibe bei Dir stehen — Du bist wie ich Gestalt voll Leben —

Ich gebe auf was uns noch trennt — Nichts ist gut

und Nichts verfehlt — Vollständig ist der Augenblick wenn alles

hergegeben — Wach sind wir und leben.

Gruß Klaus