Texte - Klaus Wansleben

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November 2012

Liebe Freundinnen und Freunde!

Ein Lehrer ist in unserer Empfindung ein Lehrender. Dieses Lehrende hat zwei Ausgangs­si­tua­tionen. Einmal wird Wissen vermittelt. Der Lehrer weiß es. Er hat es gelernt und in seiner Vor­stel­lung hat er es in seinen Lehrbüchern sozusagen als Lehrstoff. Er vermittelt sein Wissen an Zuhörer, die durch Zuhören es vermittelt bekommen.
Es kann auch Lehrer geben, die in anderer Weise da sind.
Es gibt einen Lehrer, der nicht Wissen vermittelt an Menschen, die durstig sind nach Wissen. Es gibt Lehrer, die von Herz zu Herzen eine Verbindung haben und mitleiden in der Begegnung von Menschen, die den Alltag durchlebten und deren Herz sich öffnet für die Not der Menschen und die so die Not zu lindern in der Lage sind. Dies ist ebenfalls ein Wissen, ein Wissen aus Er­fahr­ung, kein Lehrstoff. Ein solches Wissen ist demütig in der Er­fahr­ung der eigenen Ohnmacht und doch kennt dieses ohnmächtige Wissen Lösungen. Die Lösung liegt darin, die Not an­zu­er­ken­nen, sie zu durchleben, so löst sie sich nicht durch Wollen auf, sondern in einem liebenden Herzen des Zulassens, ohne zu verurteilen, sondern im Frieden schließen mit den Beteiligten.
Menschen, die dieses in einer Gemeinschaft verwirklichen können, sind Lehrer ohne Lehrer zu sein.
Ich las in der Zeitung einen Beitrag von einem Menschen, der beschrieb, wie sich ein Mensch nachts im Bett zudecken könne. Wir alle wissen, es gibt da Wolle, Baumwolle, Daunen und Synthetik. Er beschreibt, was für einen guten Schlaf förderlich ist und was ihn erschweren kann. Er kennt es, weil er selbst Schläfer ist und sich zudeckt. Er hat sich Zeit genommen, seine Erfahrungen mit dem Zudecken zu systematisieren, zu ordnen und den Mitmenschen bekannt zu geben. Die Menschen, die z.B. spüren, dass mit dem Zudecken könne noch im Interesse eines störungsfreien Schlafes verbessert werden, die machen sich die Erfahrungen des Mannes zu Nutze.

So kann es auch bei unseren Zen-Übungen geschehen. Es geht immer um nichts anderes, als um unser Leben. Es ist auch nichts anderes existent, als Leben. Wir sind nicht nur mitten im Leben, wir sind das Leben.
Wir nehmen uns zu Herzen, was uns hilft, ins volle Leben zu kommen.
In einer solchen Situation kommt uns ein Mensch zur Hilfe, der durch seine Art zeigt, was wir zu beachten haben, was wir zu nehmen haben und was wir fallen lassen können. Ein solcher Mensch zeigt sich in der Weise, dass er nichts verlangt, nichts besser weiß, nicht über dem Leben steht, sondern mit dem anderen ist. Wir alle sind z.B. Schläfer.
Meistens sind es Menschen, die viel Lebens- und Todesnot erfahren haben und es überstehen konnten und dass sie bedingungslos zu lieben in der Lage sind.
Es gibt dazu Erfahrungsberichte von Menschen, die mit und in sich in schlimmen Lebens­si­tua­tionen durch geistige Eingebung erfahren haben, was sie wegzulassen und was sie zu nehmen haben.
Die Berichte von solchen Persönlichkeiten werden im Zen Koans genannt. Diese Berichte oder Koans führen auf der einen Seite dazu, dass eine feste Linie, hier z.B. im Zen, beschrieben wird und so im Geist der Menschen erhalten bleibt und gepflegt werden kann. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass der Mensch, der die Koans des "Hekiganroko" gesammelt hat, sie weggeworfen hat. Sie haben ihn in seiner eigenen Entwicklung behindert. Es heißt, ein Anderer habe sie gefunden. Ein Koan ist also nur so zu gebrauchen, dass man es nimmt und wegwirft. So ist es im Leben. Das Leben findet im alltäglichen Schlamassel statt. Das ist unser Koan. Du nimmst den Schlamassel ganz, durchlebst ihn, um dann vom Schlamassel frei zu werden. Du bist dann zum Leben geworden, Geist und Form in Einem, mitten im Leben und frei vom Leben.
So ist es auch mit einem Lehrer. Du nimmst ihn, um ihn dann gehen zu lassen. Der Zen-Schüler, der den Lehrer oder Meister nicht gehen lässt, lebt in dem unechten Lebenszustand, Schüler bleiben zu wollen. Der Meister, der nicht gehen will, lebt in dem unechten Zustand, Meister sein zu wollen. Unecht bedeutet, das Leben selbst kennt weder Meister noch Schüler. Es ist reines Erleben in der Wachheit aller Sinne. Es kennt weder gut noch schlecht. Ein Mensch in der Wachheit sieht sich und sein Schicksal als Gegebenes und nimmt es so, wie es ist, und er wird frei von seinem Schicksal. Er steht frei in einem raum- und zeitlosen Leben.

Ist es eigentlich so, dass der Mensch zwischen zwei Leben wählen kann, einmal das Leben aus Vorstellungen und Hinweisen von Fremden, was manchmal unter Druck geschieht, und einmal der Weg des gegebenen Lebens durch Geburt, Schicksal und Sterben? Diese Frage sollte jeder für sich beantworten.
Darf dann ein Zen-Lehrer oder Meister infrage gestellt werden?
Er braucht eine Infragestellung für seine Entwicklung. Er ist wie du auf dem Weg des Lebens, bis ihm im Sterben alles aus der Hand genommen wird und er so vollendet.
Der Mensch muss nicht warten, bis sein leibliches Ende ihn erfasst. Dieses kann ganz normal im Zeitverlauf geschehen. Wir sind immer Sterbende und Auferstehende.

(aus dem Gedicht "Selige Sehnsucht")

Gruß Klaus