Texte - Klaus Wansleben

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Juli 2012

Liebe Freundinnen und Freunde!

Wenn wir zusammen kommen, hat sich etwas ereignet. Was ereignet sich hier eigentlich?
Was ist der Sinn? Der Sinn liegt im natürlichen Bestreben der Einzelnen, glücklich zu sein. Glücklich ist der, der unangefochten so sein darf, wie die Natur es ihm gestattet: frei von Zweifel, Angst in ungestörter Kraft.
Wieso ist dieses ausgerechnet in diesem Treffen zu Hause?
Wir sind in einem normalen Leben zu Hause. Wir sind herangewachsen, indem wir viel gelernt haben: Elternhaus, Schule, Studium, Lehrzeit, Beruf, Kirche, Sport usw. Die einen haben erreicht, sich in die Gesellschaft einzugliedern, die anderen bemühen sich darum. In keinem Fall konnten wir im Urzustand des natürlichen Kindes bleiben. Wir hatten uns in einer Weise zu verhalten, um angenommen zu werden und einen Wert zu erfahren.
Wo hat das hingeführt? Ich komme mehr oder weniger zurecht und habe eine Position gefunden. Vielleicht habe ich auch einen Partner gefunden. Aber bei dem Ganzen fehlt mir das uneingeschränkte körperliche Wohlbefinden. Es gibt Ereignisse und Erlebnisse, die mich körperlich verspannen und niederdrücken. Sport reicht kaum aus, um dauerhafte körperliche Entspannung und Wohlbefinden zu erreichen. Auch Kaffee, Alkohol und Rauchen reichen nicht aus, um endgültig Wohlbefinden zu erlangen.

Was ist das für ein Zustand, der sich in meiner Empfindung sowohl in meinem Inneren als auch im Körperlichen zeigt, vielleicht auch als Krankheit, z.B. Rückenschmerzen? Warum interessiert mich dann, völlig unbewusst, z.B. ein Buch von Suzuki mit dem Titel: "Die große Befreiung"?
Mir scheint, ich bin Gefangener in meiner eigenen Lebenssituation. Mein Verhängnis liegt darin, dass ich in einer vom Natürlichen getrenntem Sinne funktionieren muss, wobei die Sinngebung nicht in meiner Hand, sondern in der Hand von Autoritäten liegt, die meine Entwicklung nach aufgestellten Normen lenken: Leistung mit Benotung von Außenstehenden im Sinne von Gesellschaft, Religion, Staat, Arbeitsstelle usw.
Was hat mein Leben selbst in seinen Lebenszusammenhängen für Bestrebungen? Kann ich dem noch gerecht werden? Meldet sich der Körper nicht mit Schmerzen, weil ich ihn missachten muss, weil Ausbildung, Staat, Wirtschaft mich so fordern, dass der Körper ausgenutzt und nicht gewürdigt wird?
Ist es nicht so, wie beim Fußballspiel, dass nicht um des Spielens willen gespielt wird, sondern um zu siegen. Wehe dem, der verliert. Leben wir um des Lebens willen oder um zu leisten, damit wir gewinnen und Ansehen erreichen?
Wann denn gewinnen wir endlich unser vollständiges Leben und befreien uns von dem Fremden, was wir erdulden mussten und müssen? Deswegen kommen wir zusammen. Wir suchen gemeinsam die Türe der Befreiung. Dafür gibt es keinen Lehrer, denn mit dem, was wir lernen mussten, sind wir uns selbst entfremdet worden. Das gilt auch für einen Zen-Lehrer.
Wir brauchen einen Menschen, der mit uns zu leiden bereit ist, der mit uns gleich ist. Er muss durch Mitleid wissen, worum es geht. "Wirklich wissen können wir nur, was wir auch lieben. Erst die Liebe macht wissend. Es ist aber eine besondere Liebe, die uns wissend werden lässt..." (Bert Hellinger)

Das Ganze lässt sich abschließen mit der Erkenntnis, die Vergangenheit war richtig, die Menschen die richtigen. Wir nehmen, was war. Wir verlieren unsere Blindheit und finden unsere Natürlichkeit und unser Wohlbefinden in einer Entwicklung, die uns in die gültige Gegenwart führt.
Wir erkennen, dass nur so das Leben verlaufen kann. Leben ist also die Bewegung aus dem Entfernten, Unbehaglichen zur endgültigen Wahrheit. Das Erlebnis des Schlimmen ist das, was uns zurückführt. Es geht darum, dass wir nicht gegen etwas kämpfen und ändern wollen, sondern darum, dass wir unser Schicksal nehmen.
Es ist immer das Richtige. Es führt mich über die Stufen des Leidens zu dem Ziel, im Vollständigen zu leben, ohne Angst und Zweifel und zu dem, was wir als Glück bezeichnen.

Wenn wir zusammentreffen zu unserer Zen-Übung, sitzen wir auf unserem Kissen, Bänkchen oder Stuhl. Wir richten uns im Körper auf und konzentrieren uns auf das, was mit unserem Körper und unserem Innern geschieht. Alles ist still. Wir spüren, dass es uns nicht einfach gelingt, an dem Ort zu sein, wo wir sind, obgleich dort der Ort unseres Lebens ist. Das Leben ist mit unserem Körper verbunden. Der Körper lebt immer dort, wo er sich befindet, also auf dem Untergrund, wo er Platz nimmt. Wenn wir unbeweglich sitzen, ist dies ein ruhender Zustand. Jedoch unentwegt gehen Gedanken durch unseren Kopf und stören unsere Ruhe. Wie kommt das? Wir befinden uns mit der gegenwärtigen Bewusstheit nicht an dem Ort, wo wir uns aufhalten, weil wir ihm entfremdet sind. Wir haben Angst, mit uns alleine zu sein. Uns hat man mit Untätigkeit nicht haben wollen. In der Untätigkeit sind wir nichts. Tätigkeit gibt uns Verdienst und wird belohnt oder, wenn sie nicht gefällt, verurteilt. Um sicher zu gehen, sind wir also vorsichtshalber gerne tätig. Untätigkeit führt uns zu uns selbst zurück. Wir sind dann nichts, weil wir mit Nichts in Erscheinung treten. Es tritt Lebensangst ein. Wer möchte schon ein Nichts sein. Es hilft dir auch nichts, wenn dir dann einer sagt, es sei ein mystischer Zustand oder gar die Erleuchtung. Dadurch setzt sich deine Bestrebung erneut in Bewegung, etwas erreichen zu sollen. Du lässt dich auf nichts ein, bleibst sitzen, unentwegt. Durch diese Beharrlichkeit reinigt sich dein Bewusstsein von allen bisherigen Autoritäten, die dich verführt haben, fremde Wege zu gehen. Du findest zu dir zurück. Allerdings, das Fremde war zu deiner Heimat geworden und manch einer hat dort einen geschützten Platz eingenommen. Vielleicht ist das der Lehrer. Du musst also Gewohntes aufgeben und in das ungewohnte Feld des Lebens eintreten. Aufgeben und unbekannten Raum zu betreten, machen Angst, obgleich dieses der Weg zu deinem Glück ist. Also hältst du durch. In der Trennung vom Bekannten und auf dem Weg ins unbekannte Leben begegnet dir der Tod. Da wird die Angst groß und zum Ort der endgültigen Entscheidung. Nimmst du ihn, so gewinnst du das Leben. Wenn du ausweichst, hast du es aufgeschoben, denn um das Sterben kommst du nicht herum. Du brauchst den Tod, um bei dir zu sein. Nimmst du ihn nicht, so bleibst du Funktionsträger einer fremden Autorität. Es bleibt dir dann nichts anderes.
Nimmst du dein Sterben und nimmst wahr, dass es auch Leben ist und letztlich ein Freund, der dir zur Freiheit verhilft, so kannst du glücklich leben. Im Äußeren bleibt alles gleich, nur deine Einstellung hat sich geändert. Ich kann selbstlos in allen Lebenssituationen lieben.
Ich komme im Beruf besser zurecht, weil ich frei vom Beruf bin. Er ist eine Handhabung und nicht das Leben. Das Leben bin endgültig ich mit meinem Selbst. Das Selbst ist das Leben. Ich bin ganz bei mir und an diesem Ort glücklich und kann glücklich machen.
Bei dieser Entwicklung hat das Leid eine dem Leben dienende Bedeutung gewonnen. Nur so kann ich mich selbst finden.
Wenn einer meint, er habe Erkenntnis für das Leben gewonnen, so kann es nur darin bestehen, dem Mitmenschen freundlich zu begegnen, denn im Mitmenschen begegnet er sich selbst. Es gibt keine Überheblichkeit oder Vermessenheit mehr.
Die Frage nach Gott beantwortet sich von selbst. Du lebst nicht durch dich und dennoch lebst du. Dein Leben ist ein göttliches Geschenk.

Gruß Klaus